Der Nahe Osten und die Golfregion sind in einer sich wandelnden multipolaren Weltordnung, die von zunehmenden geopolitischen Rivalitäten geprägt ist, zu zentralen Schauplätzen globaler Aufmerksamkeit geworden. Anhaltende Konflikte — vom Krieg zwischen Palästinensern und Israelis bis zu den Krisen in Libyen, Sudan und Jemen — verdeutlichen die fortbestehende Instabilität der Region. Zugleich sind Golfstaaten wie Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar zu einflussreichen regionalen und internationalen Akteuren aufgestiegen, die eine selbstbewusste Außenpolitik verfolgen, in globalen Konflikten vermitteln und die wirtschaftliche sowie politische Ordnung des weiteren Nahen Ostens mitgestalten.
Über ihre unmittelbare Region hinaus erweitern Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate ihre geopolitische und ökonomische Reichweite nach Afrika — durch Investitionen in Logistik, Bergbau, erneuerbare Energien und Infrastruktur sowie durch sicherheitspolitische Partnerschaften. Afrikanische Staaten sind dabei keine passiven Empfänger dieser Engagements. Vielmehr verhandeln sie aktiv, leisten Widerstand und nutzen diese Partnerschaften strategisch — etwa durch Ressourcen-Nationalismus, regionale Organisationen und gezielte Verhandlungsstrategien. Diese wachsende Interdependenz zwischen Golf und Afrika verweist auf eine neue transregionale Ordnung, in der Handlungsmacht verteilt, umkämpft und neu definiert wird.
Das Verständnis des Nahen Ostens und der Golfregion erfordert einen systematischen und interdisziplinären Ansatz, der politische, gesellschaftliche und ökonomische Transformationsprozesse über Regionen hinweg miteinander verknüpft. Dies setzt voraus, eurozentrische und postkoloniale Perspektiven zu überwinden, die die Region häufig auf ein Objekt westlicher Intervention oder externer Determinierung reduzieren. Dominante Paradigmen der Internationalen Beziehungen — selbst solche wie der neoklassische Realismus, der innenpolitische Variablen berücksichtigt — vernachlässigen weiterhin die Rolle lokaler Strukturen, staatlicher Logiken und -bildungsprozesse sowie historischer Entwicklungspfade für politische Ergebnisse.
In meiner jüngeren Forschung habe ich zur Schließung dieser Lücken das Konzept des kontextuellen Realismus entwickelt. Im Unterschied zum strukturellen Realismus, der systemische Zwänge privilegiert, rückt der kontextuelle Realismus die wechselseitige Konstitution von Staatsbildung, Regionalpolitik und internationalen Strukturen in den Mittelpunkt. Er argumentiert, dass die inneren Logiken von Staaten — ihre institutionellen Entwicklungspfade, Elitenkonfigurationen und Legitimationsmodi — mit regionalen Rivalitäten interagieren und so unterschiedliche politische Ergebnisse hervorbringen. Dieser Ansatz verbindet den ontologischen Realismus der kritischen Theorie mit der interpretativen Sensibilität des Konstruktivismus und ermöglicht damit theoriebildende Ansätze mittlerer Reichweite, die empirisch fundiert und konzeptionell produktiv sind. Der kontextuelle Realismus bietet somit eine Korrektur sowohl eurozentrischer Universalismen als auch kulturellen Relativismus, indem er eine Theorie bereitstellt, die in den gelebten Komplexitäten der Region verankert und zugleich für breitere Debatten der globalen Politikwissenschaft anschlussfähig ist.
Meine Arbeit am Institut für Politikwissenschaft zielt darauf ab, sowohl die Forschung als auch politikrelevante Analysen zum Nahen Osten, zur Golfregion und ihren transregionalen Verflechtungen voranzutreiben. Aufbauend auf meinem theoretischen Ansatz des kontextuellen Realismus möchte ich empirisch fundierte Einsichten in die Logiken von Staatsbildung, Legitimität und Governance in der Region generieren — und diese in analytische Rahmen überführen, die wissenschaftliche, öffentliche und politische Debatten informieren.
Dieses Vorhaben zielt darauf ab, die Kluft zwischen Theorie und Praxis zu überbrücken, indem konzeptionelle Innovation mit kontextsensiblem Forschen verbunden wird. Es basiert auf der Überzeugung, dass fundierte politikwissenschaftliche Analyse nicht nur zum wissenschaftlichen Verständnis beiträgt, sondern auch zu effektiverer und inklusiverer Politikgestaltung.
Konkret umfasst mein Forschungs- und Politikengagement:
Diese kombinierte Forschungs- und Politikagenda spiegelt mein Verständnis einer Politikwissenschaft wider, die sowohl analytisch präzise als auch gesellschaftlich responsiv ist. Sie zielt darauf ab, wissenschaftliche Debatten voranzubringen und zugleich praxisrelevante Erkenntnisse bereitzustellen, die Friedensförderung, Governance-Reformen und menschliche Entwicklung im Nahen Osten, in der Golfregion und in ihren transregionalen Kontexten unterstützen.
Meine Arbeit am Institut wird von einem Ethos kritischer Reflexion und offenen Dialogs geleitet sein und evidenzbasierte Perspektiven fördern, die ideologische oder medial geprägte Narrative überschreiten. Durch die Verbindung theoretischer Innovation mit der Auseinandersetzung mit den drängenden Herausforderungen der Region verfolge ich das Ziel, zu einem differenzierten Verständnis des Nahen Ostens, der Golfregion und Afrikas beizutragen — und das Institut für Politikwissenschaft als einen Ort exzellenter Forschung, Lehre und des Austauschs zu diesen miteinander verflochtenen Regionen zu positionieren.